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Aug 23 / groeg

Luxus für Lyrik: Slam Poetry auf der “Experimentellen 16″

Genau so sah schon immer mein Poetiker-Traum aus: In eine der schönsten Gegenden Deutschlands reisen, mit der Regionalbahn eine Stunde lang den Bodensee entlang tuckern und dann am Ziel gleich vor dem Bahnhof von einem Plakat mit der eigenen Visage drauf begrüßt werden. 500 Meter entfernt hat der Veranstalter ein schönes Hotelzimmer reserviert (und nicht nur das: er hat es auch bezahlt!). Nach einem guten Abendessen geht es mit Chauffeur von dort aus in Begleitung einer bewährten Kollegin und einem –gen (Katinka Buddenkotte und Stefan Abermann) auf ein historisches Schloss, wo im Schlosshof zwischen Palmen und Skulpturen schon ein Mikrofon nebst einem hundertköpfigen Publikum in der Abendsonne warten.

Die Triobesetzung auf der Bühne erlaubt während des wolkenlosen Sonnenuntergangs einen komfortablen 1:2-Rhythmus aus Vortrag und Vorglühen, das Publikum ist begeistert bei der Sache, ein zweiköpfiges Pressekommando knipst und schreibt mit und nach einem rauschenden Schlussapplaus spendiert der Schlossherr im Mondschein noch drei Quadratmeter Pizza und einen Hektoliter Rotwein.

Das alles habe ich natürlich zunächst nicht für wirklich halten können. Aber als ich nach dem Aufwachen im weichen Hotelbett am Frühstücksbuffet aber tatsächlich auch noch die Traumgage vom Vorabend wieder in meiner Tasche vorfand, musste ich doch endlich begreifen, dass mir alle oben geschilderten Beglückungen bei meinem Auftritt auf Schloss Randegg tatsächlich genau so zugestoßen waren.

Also, liebe Veranstalter: Durch die Erfahrung anstrengungslosen Wohlstands und Wohlbefindens bin ich ab sofort total verzogen und verdorben. Nachtquartiere in Form von Backstage-Sofas, Kleinkunstbühnen als verkappte Raucherkneipen und halbleere Säle mit desinteressierten Gamma-Trinkern halte ich folglich fortan nicht mehr für gottgegeben.

Bei Fragen zu den Details der artgerechten Künstlerbetreuung wenden Sie sich bitte an:
Förderkreis für Kultur und Heimatgeschichte e.V., Gottmadingen und dessen fürsorliche und lebenslustige Vorstände und Schlossherrn Roland Huber, Bernd Gassner und Titus Koch. Und richten Sie dort bitte auch gleich meinen herzlichen Dank aus!

P.S.: Das hier hat der Südkurier geschrieben.

P.P.S.: Zusätzlich zur Schloss-Lesung gab es noch eine Open-Air-Matinee im benachbarten Thayingen / Schweiz. Dort ist aus dem alten Dorffriedhof ein sehr lebendiges Areal geworden: Um ein kleines Amphitheater herum finden sich Schaukeln und Rutschbahn und direkt am Bühnenrand steht ein gemauerter Grill.

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